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Carrington Event 2.0 droht früher als erwartet: Studie korrigiert Risiko massiv nach oben

Extreme Sonnenstürme kommen viel häufiger, vielleicht schon in diesem Jahrhundert!

Geschätzte Lesedauer: 5 minuten

Oberhausen-Rheinhausen / Boulder, 15. Januar 2026 Eine neue wissenschaftliche Arbeit im Fachjournal Space Weather der American Geophysical Union (AGU) sorgt in der Weltraumwetter-Community für Aufsehen. Die Studie mit der DOI-Nummer 10.1029/2025SW004718 legt nahe, dass extrem starke geomagnetische Stürme, vergleichbar mit dem berühmten Carrington-Ereignis von 1859 deutlich wahrscheinlicher sind, als die meisten bisherigen statistischen Modelle vorhersagen.

Titel der Studie (Original): „Reevaluation of the Occurrence Rate of Extreme Geomagnetic Storms Using Modern Extreme Value Theory and Updated Historical Data“ (freie Übersetzung: Neubewertung der Auftretensrate extremer geomagnetischer Stürme unter Verwendung moderner Extremwerttheorie und aktualisierter historischer Daten)

Die Autoren, ein internationales Team aus Raumwissenschaftlern, Statistiker und Historiker, haben zwei entscheidende Verbesserungen gegenüber früheren Arbeiten vorgenommen:

  1. Sie nutzten modernste Methoden der Extremwertstatistik (insbesondere Generalized Pareto Distribution und Peaks-over-Threshold-Ansätze), die deutlich besser für die Erfassung seltener Extremereignisse geeignet sind als die bisher häufig verwendeten einfachen Potenzgesetze oder Gumbel-Verteilungen.
  2. Das Team hat die historischen Datenbasis erheblich erweitert und kritisch überprüft, unter anderem durch Neuinterpretation alter magnetometrischer Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert und Hinzunahme weniger bekannter, aber gut dokumentierter Ereignisse zwischen 1860 und 1950.

Wichtigste Ergebnisse auf einen Blick:

  • Die geschätzte Wiederkehrzeit eines Carrington-ähnlichen Sturms (Dst ≤ −850 bis −900 nT) liegt nach der neuen Analyse nicht mehr im Bereich von 100–500 Jahren (wie noch in vielen Studien der 2010er Jahre), sondern eher zwischen 40 und 150 Jahren (90%-Konfidenzintervall).
  • Bei noch extremen Ereignissen (Dst ≤ −1200 bis −1500 nT) zeigt sich eine besonders starke Aufwärtskorrektur der Wahrscheinlichkeit, teilweise um den Faktor 5–10 im Vergleich zu früheren Schätzungen.
  • Die Autoren betonen, dass die Verteilung extremer Stürme kein klassisches Potenzgesetz mit einem scharfen Cut-off darstellt, sondern eher einem „heavy tail“-Verhalten folgt – d.h. sehr extreme Ereignisse sind weniger unwahrscheinlich, als man lange dachte.
<strong>Geomagnetische Stürme erzeugen in langen Leitungen geomagnetisch induzierte Ströme (GIC), die zu extrem hohen, sich aufsummierenden Spannungsspitzen in Transformatoren führen. Diese können überhitzen und zerstört werden – vor allem die großen Leistungstransformatoren in Umspannwerken (220–380 kV).</strong><br /><strong>Die Übersicht zeigt die kritischen Stellen im Netz:</strong><br /> <strong>Swiss Re schätzt (in Kooperation u. a. mit RWTH Aachen): Bei einem Carrington-ähnlichen Sturm könnten bis zu 10 % aller großen Transformatoren schwer beschädigt werden – mit monate- bis jahrelangen Blackout-Folgen.</strong>
Geomagnetische Stürme erzeugen in langen Leitungen geomagnetisch induzierte Ströme (GIC), die zu extrem hohen, sich aufsummierenden Spannungsspitzen in Transformatoren führen. Diese können überhitzen und zerstört werden – vor allem die großen Leistungstransformatoren in Umspannwerken (220–380 kV).
Die Übersicht zeigt die kritischen Stellen im Netz:
Swiss Re schätzt (in Kooperation u. a. mit RWTH Aachen): Bei einem Carrington-ähnlichen Sturm könnten bis zu 10 % aller großen Transformatoren schwer beschädigt werden – mit monate- bis jahrelangen Blackout-Folgen.

Das Weltraumwetter – Unsichtbare Gefahr aus der Sonne

Geomagnetische Stürme entstehen durch massive Eruptionen auf der Sonne, bekannt als koronalen Massenauswürfe (CMEs). Diese schleudern Milliarden Tonnen geladener Teilchen mit Geschwindigkeiten von bis zu 2.000 km/s Richtung Erde. Beim Auftreffen auf unser Magnetfeld entstehen Störungen, die sich in Form von Polarlichtern äußern, aber auch in induzierten Strömen, die unsere Technik lahmlegen können. Das Carrington-Ereignis von 1859, benannt nach dem Astronomen Richard Carrington, verursachte damals weltweite Telegraphenausfälle und Polarlichter bis in die Karibik. Heute würde ein solcher Sturm, mit einem Dst-Index (Disturbance Storm Time) von etwa −850 nT oder tiefer – globale Chaos stiften: Ausfälle von Stromnetzen, Satelliten, GPS-Systemen und sogar Pipelines.

Historischer Kontext: Bekannte Stürme und ihre Lehren

Um die Häufigkeit extremer Ereignisse zu verstehen, haben die Autoren die Datenbasis erweitert. Hier eine Tabelle mit ausgewählten historischen geomagnetischen Stürmen, basierend auf der Studie und ergänzenden Quellen (z. B. NOAA-Datenbanken). Die Tabelle zeigt den geschätzten Dst-Index, Auswirkungen und Wiederkehrwahrscheinlichkeit nach alten vs. neuen Modellen.

Ereignis Jahr Geschätzter Dst-Index (nT) Wichtige Auswirkungen Alte Wiederkehrzeit-Schätzung Neue Schätzung (90% KI)
Carrington-Ereignis 1859 −850 bis −900 Telegraphenausfälle weltweit, Polarlichter in Tropen 100–500 Jahre 40–150 Jahre
New York Railroad Storm 1921 −907 Stromausfälle in USA, Zugverkehr gestört 200–1.000 Jahre 50–200 Jahre
Quebec-Blackout 1989 −589 6 Mio. Menschen ohne Strom für 9 Stunden, Schäden: 13 Mrd. USD 50–200 Jahre 20–100 Jahre
Halloween-Sturm 2003 −383 Satellitenausfälle, Flugumleitungen 10–50 Jahre 5–30 Jahre
Bastille-Day-Sturm 2000 −301 GPS-Störungen, Strahlungswarnungen 5–20 Jahre 3–15 Jahre

Diese Ereignisse zeigen: Stürme clustern sich in aktiven Sonnenzyklen (z. B. Zyklus 19 in den 1950er Jahren mit dem extremen Sturm von 1959). Die Studie integriert neu interpretierte Daten aus dem 19. Jahrhundert, einschließlich Magnetogrammen aus Observatorien in Bombay und Kew, sowie Proxy-Daten aus Baumringen (z. B. 14C-Isotopen) und Eisbohrkernen (Nitratspitzen), die auf Ereignisse vor 1850 hindeuten.

Das Carrington-Event - Der bisher größte wissenschaftlich beobachtete Sonnensturm
Das Carrington-Event – Der bisher größte wissenschaftlich beobachtete Sonnensturm

Ein moderner Carrington-Sturm würde heute Schäden in Billionenhöhe verursachen, vor allem durch Ausfälle von Stromnetzen, Satelliten, GNSS-Systemen (GPS/Galileo) und Unterseekabeln. Viele Risikoanalysen der vergangenen 10–15 Jahre basierten auf deutlich optimistischeren Wahrscheinlichkeitsannahmen.

Die neue Arbeit reiht sich ein in eine ganze Serie von Publikationen seit ca. 2020, die darauf hindeuten, dass das Weltraumwetter-Risiko systematisch unterschätzt wurde, ähnlich wie bei Pandemien, Jahrhundertfluten oder vulkanischen Supereruptionen.

Video: Der Carrington-Sturm und seine Auswirkungen

Detaillierte Ergebnisse: Höhere Risiken in Zahlen

Die Kernergebnisse korrigieren die Wahrscheinlichkeiten massiv nach oben. Hier eine erweiterte Tabelle mit Return Levels (Wiederkehrzeiten) für verschiedene Sturmstärken:

Sturmstärke (Dst nT) Beschreibung Alte Schätzung (Wiederkehrzeit) Neue Schätzung (90% KI) Wahrscheinlichkeit in nächsten 100 Jahren Faktor der Korrektur
−500 bis −600 Stark (z. B. 1989) 20–100 Jahre 10–50 Jahre 60–90 % 2–3
−850 bis −900 Carrington-Level 100–500 Jahre 40–150 Jahre 20–50 % 2–5
−1.200 bis −1.500 Supersturm 500–2.000 Jahre 100–400 Jahre 10–25 % 5–10
−2.000+ Hypothetisch extrem >5.000 Jahre 500–1.500 Jahre 5–10 % 3–8

Basierend auf Figure 4 der Studie (Return Level Plots): Die neuen Kurven steigen steiler an, was höhere Extremwahrscheinlichkeiten zeigt. Für Deutschland: Im Sonnenzyklus 25 (aktuell) steigt das Risiko für einen −500 nT-Sturm auf 15–20 % pro Jahr.

Ausblick

Die Forschenden fordern,

  • die historischen Datenbanken weiter zu verfeinern (v.a. durch Digitalisierung alter Magnetogramme),
  • hybride Modelle (Beobachtung + Physik + Statistik) stärker zu nutzen und
  • die Risikobewertung kritischer Infrastrukturen an die neuen höheren Wahrscheinlichkeiten anzupassen.

Ob die neuen Zahlen nun „der“ neue Konsens werden, müssen zukünftige Arbeiten zeigen. Fest steht aber: Die Sicherheitsmarge, die die Gesellschaft gegenüber extremem Weltraumwetter glaubte zu haben, ist nach aktuellem Forschungsstand deutlich kleiner geworden.

Die vollständige Open-Access-Studie ist unter folgendem Link abrufbar: https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1029/2025SW004718

(Quelle: AGU Space Weather, Januar 2026)

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